Gefährdungen in der Pflege | Beispiele für die Gefährdungsbeurteilung

Gefährdungen in der Pflege – Beispiele für die Gefährdungsbeurteilung

Pflegekräfte leisten täglich einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesundheit, Betreuung und Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Gleichzeitig gehören Tätigkeiten in der stationären Pflege, Intensivpflege und ambulanten Pflege zu den anspruchsvollsten Arbeitsbereichen im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheitsschutz. Beschäftigte sind nicht nur körperlichen Belastungen ausgesetzt, sondern tragen auch eine hohe Verantwortung für das Wohlbefinden und die Sicherheit der betreuten Personen.

Die Gefährdungen in der Pflege unterscheiden sich deutlich von denen vieler anderer Branchen. Neben biologischen Arbeitsstoffen wie Viren, Bakterien oder multiresistenten Erregern spielen ergonomische Belastungen beim Heben und Umlagern von Patienten, psychische Belastungen durch Schichtarbeit und Zeitdruck sowie Gefährdungen durch Gefahrstoffe, Medizinprodukte und aggressive Verhaltensweisen eine wesentliche Rolle.

Insbesondere in der Intensivpflege und der ambulanten Pflege bestehen branchenspezifische Risiken, die im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung gesondert betrachtet werden müssen. Während in der Intensivpflege komplexe medizinische Geräte, lebenserhaltende Systeme und hochsensible Patientensituationen im Mittelpunkt stehen, ergeben sich in der ambulanten Pflege zusätzliche Herausforderungen durch wechselnde Einsatzorte, fremde Wohnumgebungen, Alleinarbeit und eingeschränkte Einflussmöglichkeiten auf die Arbeitsbedingungen.

Eine sorgfältige Gefährdungsbeurteilung hilft dabei, Gefahren frühzeitig zu erkennen, geeignete Schutzmaßnahmen festzulegen und die Gesundheit der Beschäftigten langfristig zu schützen. Die nachfolgenden Beispiele orientieren sich an typischen Gefährdungen im Pflegebereich und dienen als Hilfestellung für die betriebliche Praxis.

Ambulante Pflege
Arbeitssicherheit in der Pflegeeinrichtung

 

Typische Gefährdungen in der Intensivpflege

Gefährdungsfaktor Mögliche Gefahr Mögliche Folgen
Biologische Arbeitsstoffe Kontakt mit infektiösen Körperflüssigkeiten Infektionskrankheiten und gesundheitliche Langzeitfolgen
Kontakt mit multiresistenten Erregern (MRSA, VRE, MRGN) Infektionen und erhöhte Gesundheitsrisiken
Übertragung von Viren und Bakterien Arbeitsunfähigkeit und Erkrankungen
Nadelstich- und Schnittverletzungen Verletzung durch Kanülen Infektionsrisiko durch Hepatitis oder HIV
Unsachgemäße Entsorgung von Kanülen Stichverletzungen bei Beschäftigten
Verletzung durch medizinische Instrumente Schnitt- und Stichverletzungen
Patientenhandling Umlagern schwerer Patienten Rücken- und Bandscheibenschäden
Transfer vom Bett in den Rollstuhl Muskel-Skelett-Erkrankungen
Arbeiten in Zwangshaltungen Nacken- und Schulterbeschwerden
Medizinische Geräte Fehlfunktionen von Beatmungsgeräten Patientengefährdung und psychische Belastung
Defekte elektrische Medizinprodukte Stromschläge und Geräteschäden
Unsachgemäße Bedienung Versorgungsfehler und Notfallsituationen
Gefahrstoffe Kontakt mit Desinfektionsmitteln Hautreizungen und Allergien
Exposition gegenüber Arzneimitteln Gesundheitliche Beeinträchtigungen
Reinigungschemikalien Atemwegs- und Hautbeschwerden
Psychische Belastungen Verantwortung für intensivpflichtige Patienten Psychischer Stress
Notfallsituationen Emotionale Belastungen
Personalmangel Überlastung und Burnout-Risiko
Arbeitszeit Nachtschichten Schlafstörungen
Wechselschichten Gesundheitliche Belastungen
Überstunden Erhöhtes Fehlerrisiko
Gewalt und Aggression Aggressive Patienten Körperliche Verletzungen
Übergriffe durch Besucher Psychische Belastungen
Drohungen oder Beleidigungen Stress und Unsicherheit

Typische Gefährdungen in der ambulanten Pflege

Gefährdungsfaktor Mögliche Gefahr Mögliche Folgen
Alleinarbeit Notfallsituationen ohne direkte Unterstützung Verzögerte Hilfeleistung
Gewaltsituationen im häuslichen Umfeld Verletzungen und psychische Belastungen
Fehlende Unterstützung bei Patiententransfers Körperliche Überlastung
Fahr- und Reisetätigkeiten Verkehrsunfälle Schwere Verletzungen
Zeitdruck im Straßenverkehr Erhöhtes Unfallrisiko
Witterungseinflüsse Sturz- und Unfallgefahren
Arbeitsumgebung beim Patienten Enge Wohnverhältnisse Erschwerte Pflegehandlungen
Fehlende Hilfsmittel Erhöhte körperliche Belastung
Mangelhafte Beleuchtung Sturz- und Verletzungsrisiken
Biologische Gefährdungen Kontakt mit infektiösen Personen Infektionskrankheiten
Kontakt mit Körperausscheidungen Gesundheitsgefährdungen
Fehlende Hygienestandards im Haushalt Erhöhtes Infektionsrisiko
Patiententransfers Heben und Umlagern von Patienten Rückenbeschwerden
Transfer ohne Hilfsmittel Muskel-Skelett-Erkrankungen
Arbeiten in beengten Räumen Zwangshaltungen und Überlastungen
Psychische Belastungen Zeitdruck durch Tourenplanung Stress
Emotionale Belastungen durch schwere Krankheitsverläufe Psychische Beanspruchungen
Konflikte mit Angehörigen Mentale Belastungen
Tiere im Haushalt Hundebisse Verletzungen
Sturzgefahren durch Haustiere Prellungen und Knochenbrüche
Allergische Reaktionen Gesundheitliche Beschwerden
Gewalt und Aggression Verbale Übergriffe Psychische Belastungen
Körperliche Angriffe Verletzungen
Bedrohungssituationen Stress und Unsicherheit

Besondere Herausforderungen in der Pflege

Pflegekräfte sind täglich mit Situationen konfrontiert, die ein hohes Maß an Fachwissen, Verantwortungsbewusstsein und Belastbarkeit erfordern. Neben körperlichen Gefährdungen gewinnen psychische Belastungen zunehmend an Bedeutung. Hohe Arbeitsdichte, Fachkräftemangel, Dokumentationspflichten sowie die emotionale Belastung durch schwere Krankheitsverläufe stellen erhebliche Herausforderungen dar.

Eine wirksame Gefährdungsbeurteilung sollte daher nicht nur klassische Unfallgefahren betrachten, sondern auch ergonomische, biologische und psychische Belastungen umfassend berücksichtigen.

Weiterführende Informationen für Pflegeeinrichtungen

Ausführliche Informationen zum Arbeitsschutz in Pflegeeinrichtungen, Intensivpflegediensten und ambulanten Pflegediensten finden Sie bei:

Schutzmaßnahmen in der Pflege nach dem STOP-Prinzip

Bei der Auswahl von Schutzmaßnahmen sind die Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes sowie die Rangfolge des STOP-Prinzips zu berücksichtigen. Ziel ist es, Gefährdungen möglichst an der Quelle zu beseitigen oder zu minimieren.

S – Substitution

Gefährliche Arbeitsverfahren oder Arbeitsmittel sollten durch sicherere Alternativen ersetzt werden. Beispiele sind der Einsatz stichsicherer Kanülen, geschlossener Absaugsysteme oder hautschonender Desinfektionsmittel.

  • Verwendung von Sicherheitskanülen
  • Einsatz geschlossener Medikamentensysteme
  • Verwendung hautschonender Desinfektionsmittel
  • Ersatz gefährlicher Stoffe durch weniger gefährliche Produkte

T – Technische Schutzmaßnahmen

  • Patientenlifter und Aufstehhilfen
  • Pflegebetten mit elektrischer Höhenverstellung
  • Stichsichere Entsorgungsbehälter
  • Desinfektionsspender
  • Automatische Händehygienesysteme
  • Belüftungssysteme in Isolationsbereichen
  • Absaug- und Filtersysteme

O – Organisatorische Schutzmaßnahmen

  • Gefährdungsbeurteilungen für alle Tätigkeitsbereiche
  • Regelmäßige Unterweisungen
  • Hygienepläne
  • Infektionsschutzkonzepte
  • Arbeitszeitregelungen
  • Notfallmanagement
  • Gewaltpräventionskonzepte
  • Einarbeitung neuer Beschäftigter

P – Persönliche Schutzmaßnahmen

  • Schutzhandschuhe
  • Schutzkittel
  • Mund-Nasen-Schutz
  • FFP2- und FFP3-Masken
  • Schutzbrillen
  • Persönliche Schutzausrüstung bei Isolationsmaßnahmen

TRBA 250 – Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen

Die Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 250) konkretisiert die Anforderungen der Biostoffverordnung für Tätigkeiten im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege. Sie stellt eines der wichtigsten Regelwerke für Pflegeeinrichtungen dar.

Die TRBA 250 enthält unter anderem Anforderungen an:

  • Händehygiene
  • Infektionsschutzmaßnahmen
  • Persönliche Schutzausrüstung
  • Umgang mit kontaminierten Materialien
  • Abfallentsorgung
  • Nadelstichprävention
  • Unterweisungen der Beschäftigten
  • Arbeitsmedizinische Vorsorge

Nadelstichverletzungen in der Pflege

Nadelstichverletzungen gehören zu den häufigsten Arbeitsunfällen im Gesundheitswesen. Bereits kleinste Stichverletzungen können zur Übertragung von Krankheitserregern führen.

Besondere Risiken bestehen hinsichtlich:

  • Hepatitis B
  • Hepatitis C
  • HIV
  • weiterer blutübertragbarer Infektionserreger

Präventionsmaßnahmen

  • Verwendung von Sicherheitsprodukten
  • Kein Recapping gebrauchter Kanülen
  • Sofortige Entsorgung in stichsicheren Behältern
  • Regelmäßige Unterweisungen
  • Dokumentation von Nadelstichverletzungen
  • Arbeitsmedizinische Nachsorge

MRSA, MRGN und weitere multiresistente Erreger

Multiresistente Erreger stellen Pflegeeinrichtungen vor besondere Herausforderungen. Pflegekräfte können im Rahmen ihrer Tätigkeit mit unterschiedlichen Erregern in Kontakt kommen.

  • MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)
  • VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken)
  • MRGN (Multiresistente gramnegative Erreger)
  • Clostridioides difficile
  • Noroviren
  • Influenza-Viren
  • SARS-CoV-2

Wichtige Schutzmaßnahmen sind konsequente Händehygiene, persönliche Schutzausrüstung, Isolationsmaßnahmen und regelmäßige Hygieneschulungen.

Ergonomische Belastungen und Patiententransfer

Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems zählen zu den häufigsten arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen in der Pflege. Besonders belastend sind Tätigkeiten beim Umlagern, Mobilisieren und Transferieren von Patienten.

Typische Belastungssituationen

  • Transfer vom Bett in den Rollstuhl
  • Umlagern bettlägeriger Patienten
  • Lagern intensivpflegebedürftiger Personen
  • Unterstützung beim Aufstehen
  • Arbeiten in beengten Räumlichkeiten
  • Heben ohne technische Hilfsmittel

Empfohlene Schutzmaßnahmen

  • Einsatz von Patientenliftern
  • Rutschbretter und Transferhilfen
  • Elektrisch verstellbare Pflegebetten
  • Ergonomieschulungen
  • Regelmäßige Bewegungs- und Rückenschulungen
  • Ausreichende Personalbesetzung

Psychische Belastungen in der Pflege

Neben körperlichen Belastungen spielen psychische Belastungen im Pflegealltag eine zunehmend wichtige Rolle. Die Kombination aus hoher Verantwortung, Zeitdruck und emotional belastenden Situationen kann langfristig zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.

Typische psychische Belastungsfaktoren

  • Personalmangel
  • Schichtarbeit
  • Nachtdienste
  • Zeitdruck
  • Emotionale Belastungen
  • Sterbebegleitung
  • Konflikte mit Angehörigen
  • Dokumentationsaufwand
  • Arbeitsverdichtung

Gewaltprävention in Pflegeeinrichtungen

Gewalt gegenüber Beschäftigten im Gesundheitswesen nimmt seit Jahren zu. Betroffen sind sowohl stationäre Einrichtungen als auch ambulante Pflegedienste.

Mögliche Formen von Gewalt

  • Verbale Beleidigungen
  • Bedrohungen
  • Körperliche Übergriffe
  • Spucken
  • Kratzen
  • Schlagen
  • Sexuelle Belästigung

Empfohlene Präventionsmaßnahmen

  • Deeskalationstrainings
  • Notfallkonzepte
  • Meldesysteme für Vorfälle
  • Gefährdungsbeurteilungen zu Gewalt und Aggression
  • Schulungen für Beschäftigte
  • Unterstützungsangebote nach Vorfällen

Wichtige Regelwerke und Informationsquellen

Häufige Fragen zu Gefährdungen in der Pflege

Ist eine Gefährdungsbeurteilung für Pflegeeinrichtungen verpflichtend?

Ja. Arbeitgeber sind nach § 5 Arbeitsschutzgesetz verpflichtet, Gefährdungen zu ermitteln und geeignete Schutzmaßnahmen festzulegen.

Welche Gefährdungen treten in der Pflege besonders häufig auf?

Zu den häufigsten Gefährdungen zählen Infektionsrisiken, Nadelstichverletzungen, körperliche Belastungen beim Patiententransfer sowie psychische Belastungen durch Schichtarbeit und Zeitdruck.

Welche Rolle spielt die BGW im Arbeitsschutz?

Die BGW unterstützt Pflegeeinrichtungen mit Informationen, Handlungshilfen, Präventionsangeboten und branchenspezifischen Empfehlungen zur Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz.

Wie können Rückenbelastungen in der Pflege reduziert werden?

Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel, ergonomische Arbeitsweisen, ausreichende Personalressourcen und regelmäßige Schulungen lassen sich viele körperliche Belastungen deutlich reduzieren.

Weitere Gefährdungen nach Branche

Unterstützung bei der Gefährdungsbeurteilung in der Pflege

Die Anforderungen an den Arbeitsschutz in Pflegeeinrichtungen sind komplex und unterliegen einer Vielzahl gesetzlicher, berufsgenossenschaftlicher und hygienischer Vorgaben. Eine fachgerecht erstellte Gefährdungsbeurteilung bildet die Grundlage für sichere Arbeitsbedingungen und den langfristigen Schutz der Beschäftigten.

KUHP Arbeitssicherheit unterstützt ambulante Pflegedienste, Intensivpflegedienste, Wohngemeinschaften, Pflegeheime und weitere Einrichtungen des Gesundheitswesens bei der Erstellung, Aktualisierung und Dokumentation von Gefährdungsbeurteilungen sowie bei der Umsetzung praxisgerechter Arbeitsschutzmaßnahmen.

KUHP Arbeitssicherheit – Ihr Büro für Arbeitssicherheit. Wir bieten die sicherheitstechnische Betreuung gemäß DGUV Vorschrift an.

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